Ein Gespräch mit Dr. Goswin v. Mallinckrodt
Hilfe auf Augenhöhe

Was war Ihr Impuls, sich für AMREF zu engagieren?

Ich habe Ende der 70er Jahre bei einem der Gründer von AMREF, Tom Rees – ebenfalls ein Plastischer Chirurg – gelernt; eine meiner Aufgaben als junger Arzt war es, in Zaire ein Krankenhaus aufzubauen und hundert Schwestern auszubilden. Ich kannte also bereits einen Teil von Afrika, die Not und Notwendigkeiten dort. Rees musste nicht viel Überzeugungsarbeit leisten, mich für die Organisation zu gewinnen. 1980 bin ich dann ins Kuratorium gegangen und seit drei Jahren Vorstandsvorsitzender. AMREF begleitet mich also bereits durch viele Jahrzehnte meines Lebens.

Waren Sie auch vor Ort?

Ja, seit den 1990er Jahren habe ich zahlreiche Reisen nach Afrika unternommen im Hinblick auf bestehende und mögliche neue Projekte. Ich habe beispielsweise ein Projekt für die Straßenkinder von Dagoretti bei Nairobi besucht, wo viele Waisenkinder leben, deren Eltern an AIDS gestorben sind und die wir hier medizinisch, psychologisch und mit der Möglichkeit zum Schulbesuch unterstützen. Mit Barbara Becker war ich in der kenianischen Provinz Entasopia, die von Extremen beherrscht wird: Entweder leiden die Menschen unter der Dürre oder unter verheerenden Überschwemmungen. Eine sehr vernachlässigte Gegend, die wir erst nach acht Stunden im Jeep erreicht haben. Glücklicherweise fanden wir hier eine wirklich gut funktionierende Gemeinde vor. Ich traf den Dorfältesten, konnte Fragen zu Hilfestellungen beantworten und Programme diskutieren. So haben wir erfahren, wo wirklich Bedarf herrscht – die erste Voraussetzung für effektive Hilfe. Inzwischen sind hier eine sehr gute Krankenstation und eine vorbildliche Schule entstanden.

Wofür steht AMREF?

Die Nichtregierungsorganisation AMREF – „African Medical And REsearch Foundation – Flying Doctors“ – meint unseren Einsatz für Gesundheit, Erziehung und Ausbildung . Das große Ziel dabei ist Nachhaltigkeit: Wir wollen erreichen, dass Afrika keine Helfer mehr von außen braucht, dass es sich selbst verwalten kann. In 50 Jahren AMREF haben wir beispielsweise erreicht, dass Krankenhäuser weniger Einsatz von uns abrufen, da sie durch gute Ausbildung inzwischen viel selbst leisten können.

Was unterscheidet Ihre Organisation etwa von „Ärzte ohne Grenzen“?

Wir sind die größte nichtstaatliche Gesundheitsorganisation in Afrika und die einzige, deren Hauptsitz in Afrika, in Nairobi, ist. Country Offices befinden sich in Kenia, Tansania, Uganda, Äthiopien, Süd-Sudan, Senegal und Südafrika. Unsere Zentrale liegt also in Afrika und nicht in Berlin, London oder Rom, von wo aus wir einfliegen und dann wieder verschwinden müssten. Unser Fokus liegt darauf, einheimische Fachkräfte auszubilden und zu beschäftigen. Afrikaner helfen Afrikanern: Inzwischen sind 950 Mitarbeiter vor Ort im Einsatz – 95 Prozent davon Einheimische, die zu den am besten ausgebildeten Medizinern und Gesundheitshelfern in Afrika gehören.

Wie finanziert sich die Organisation?

Durch staatliche und nichtstaatliche Entwicklungshilfeorganisationen, Stiftungen und Vereine wie Sternstunden e.V. oder „Ein Herz für Kinder“, und selbstverständlich sind wir auch für Firmen- und Privatspenden dankbar. Besonders bei privaten Spenden tut sich jedoch die Schwierigkeit auf, dass der Geber ein konkretes Projekt vor Augen haben will, für das er Geld gibt, das sind die sogenannten gebundenen Gelder. Daher haben wir für das Charity-Golfturnier in St. Eurach – es findet diesen Juni statt – entschieden, dass das dort auf einer Auktion eingenommene Geld zur Versorgung unserer Buschkrankenhäuser ( Outreach Program ) und die weltweite Kampagne „Stand up for African Mothers“ verwendet werden soll.

Wen und was unterstützt AMREF?

Wir führen derzeit mehr als hundert gesundheitsbezogene Projekte in sieben Ländern Afrikas durch, besonders in den sonst vernachlässigten ländlichen Gegenden. Außer der Ausbildung für Ärzte und Gesundheitshelfer und der Einrichtung von Wasser- und Sanitäranlagen betreiben wir Gesundheitsprophylaxe durch Aufklärung und Vorsorge, beispielsweise zu Infektionskrankheiten wie HIV und informieren zum Thema Familienplanung. Wir unterstützen Forschungsprojekte etwa zu Tuberkulose, sind aber auch ganz praktisch unterwegs und verteilen zum Beispiel mit Insektengift behandelte Moskitonetze in großem Stil. Bei Ausbruch von Malaria bringen wir den Patienten Medizin. Unser Grundprinzip ist: Der Arzt geht zum Patienten – das gilt auch für die aufklärende Vorsorge: Unsere medizinischen Helfer besuchen die Menschen und stellen sich auf ihre Sprache ein. So hat sich herausgestellt, dass Vorsorge in Liedern oder Bildern verpackt oft besser ankommt als in einer Lehrstunde. Auf der anderen Seite haben wir ein hochmodernes E-Learning-Programm in der AVNS, der AMREF Virtual Nurses School. Die Hebammenschulung ist Basis für unseren Schwerpunkt Mutter-Kind-Gesundheit. Unser Ziel dabei: Bis zum Jahr 2015 sollen 15.000 Hebammen ausgebildet sein. Damit will AMREF die Müttersterblichkeit in Ostafrika um 25 Prozent senken – im Durchschnitt stirbt hier eine von 16 Frauen, in Äthiopien sogar eine von acht Frauen. Zum Vergleich: Bei uns überlebt eine von 30.000 Müttern nicht.

Und die Flying Doctors?

Unsere Fliegenden Ärzte Afrikas mit Klinik- und Rettungsdiensten haben seit der Gründung von AMREF mehr als 22 Millionen Flugmeilen in nunmehr vier Maschinen zurückgelegt. Mit unserem „Clinical Outreach“-Programm wurden allein 2012 mehr als 7.000 Visiten und über 27.000 Behandlungen in 150 Busch-krankenhäusern durchgeführt, bei denen auch die Schulung der Gesundheitshelfer vor Ort an erster Stelle steht. Jeder Besuch wird akribisch geplant, per Funk jeder Einsatz koordiniert: die benötigte Fachrichtung des Arztes, die Anzahl der Patienten, die durchzuführenden Operationen, die benötigten Medikamente und technischen Geräte.

Wie nutzen Sie das Jubiläum „50 Jahre AMREF“?

Wir versuchen immer nach der Maxime „kleiner Aufwand, große Wirkung“ zu agieren. Mit Hilfe verschiedener Events wollen wir die Organisation bekannter machen und Spendengelder sammeln. Keine große Gala, für die wir das Geld nicht haben, sondern kleinere Veranstaltungen wie Ladies Lunches oder den bereits erwähnten Golfcup. Wir halten Vorträge und setzen darauf, von afrikanischen und anderen Botschaften eingebunden zu werden, etwa Repräsentationsmöglichkeiten bei Empfängen zu erhalten. Darüber hinaus bitten wir, „huckepack“ auf größeren Veranstaltungen dabei sein zu dürfen, auf Betriebsfeiern und Konzerten, um AMREF dort vorzustellen. Wir konnten Prominenz für unsere Sache gewinnen wie bereits die Schauspieler Senta Berger, Harald Krassnitzer, Friedrich von Thun oder Dana Schweiger. Zudem wollen wir Ärzte animieren, unsere Jahresschrift „50 Jahre AMREF“ aufzulegen. Sie können das Ärztekit „Stand up for African Mothers“ mit Flyern, Buttons und Spendenbox bestellen.

Sie nutzen das 50jährige Jubiläum, um für AMREF in Deutschland zu werben – wie steht es um die Bekanntheit in Afrika?

Wir haben erreicht, dass alle unsere Ziele dort bekannt sind. Die Afrikaner sind auf unserer Seite, man arbeitet gerne mit uns zusammen. Das unterstützt uns deutlich in unserem Vorhaben, dass wir uns eines Tages zurück-ziehen können. Wir sagen immer: „We are not the biggest, but the biggest in reach“ – denn wir stehen 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Leider ist der Bekanntheitsgrad außerhalb Afrikas wesentlich geringer, da wir wie gesagt keine aufwendige und kostenintensive Werbung betreiben.

Wie viel Zeit verwenden Sie für Ihre Arbeit für AMREF?

Zu „Stoßzeiten“ wie jetzt im Jubiläumsjahr arbeite ich die eine Hälfte der Woche in meiner Praxis für Plastische Chirurgie in München, die andere Hälfte für AMREF, schreibe Briefe, organisiere, gewinne Sponsoren, lese Texte gegen oder nehme an Kuratoriums- und Vorstandssitzungen teil.

Was treibt Sie an, sich so zu engagieren?

Das Engagement bringt natürlich viele Pflichten mit sich, aber mir macht es noch immer Spaß. Ich finde die Grundidee von AMREF fantastisch – ein Motor, der meine Begeisterung immer wieder anfacht. Und es liegt auch eine tiefe Befriedigung darin, dass ich etwas von unserem westlichen Wohlstandsleben zurückgeben kann. Ich glaube auch, dass wir verpflichtet sind, in Afrika Hilfe zu leisten. Das ganze Ausmaß der Tragik im Land ahnen wir, wenn wieder einmal Flüchtlinge in Lampedusa stranden oder unterwegs kläglich ertrinken. Wenn die Menschen nicht mehr in Slums wohnen müssen und Perspektiven haben, flüchten sie auch nicht mehr.

Viele Menschen hindern hohe Verwaltungskosten und Korruption zu spenden. Vor welchen Hintergrund ist AMREF in diesem Zusammenhang zu sehen?

Zum einen trägt AMREF Deutschland seit mehr als 20 Jahren das DZI-Spendensiegel; dazu wurden wir 2013 auf Platz 28 der weltbesten Ngos durch das „Global Journal“ genannt. Ein weiteres Argument, in die Strukturen von AMREF zu vertrauen, ist eine Ehrung der Bill & Melinda Gates Foundation: Sie hat uns aus 84 Organisationen, die für Afrika tätig sind, mit dem Gates Award for Global Health 2005 ausgezeichnet. Diese Anerkennung der Bill & Melinda Gates Foundation mit ihren strengen Prüfungskriterien ist ein gewaltiges Aushängeschild für uns.
Interview: Marion Vorbeck

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